1914 bis 1930


Die Zeitspanne von 1914 bis 1930

 

Der im Jahre 1914 ausgebrochene 1. Weltkrieg veränderte das Leben der Menschen drastisch. Während die wehrdiensttauglichen Männer für „Kaiser, Volk und Vaterland“ zur Waffe greifen mussten und wie ihnen befohlen ihre Heimat im Westen, Osten oder Süden zu verteidigen hatten, wandelte sich auch das Leben für die, die zu Hause geblieben waren. Die Zahl der aktiven Sänger des Vereins sank derart, dass man beschließen musste, die Singstunden zeitweise ausfallen zu lassen bzw. sie nur noch dienstags nach dem Monats-Ersten durchzuführen.

 

Trotz aller Schwierigkeiten blieb die Verbundenheit im Verein groß, dass schloss auch die an den Fronten kämpfenden Sangesbrüder und ihre Familien in der Heimat ein. Am 2.3.1925 wurde für sie eine Sammlung abgehalten, die einen Erlös von 110,- RM erbrachte. Von diesem Geld wurden Päckchen an die Front geschickt und es wurde zur Notlinderung der daheim gebliebenen Lieben eingesetzt. Der Erlös mancher Veranstaltung wurde für oben genannte soziale Zwecke verwendet und erhielt bzw. stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl. Natürlich blieb deren Zahl klein und erreichte auch nicht mehr so ein großes Publikum wie in den Vorkriegsjahren.

 

Die Jahreshauptversammlungen wurden nur von 10 – 14 aktiven und passiven Sängern besucht. Sie dienten mehr der Fortsetzung der Tradition und waren keine Meilensteine für die Vereinsentwicklung mehr. Erschwerend kam noch hinzu, dass der als Liedermeister sehr beliebte Kantor Ulbricht am 30.11.1915 sein Amt niederlegte und eine Abschiedsfeier für ihn stattfand, zu der man folgende Zeilen in der Chronik vorfindet:

„Trotzdem fleischloser Tag war, hatten unerschrockene Sängerseelen genügend Wurst und Schinken herzugeschafft, so dass dem Magen sehr gut Rechnung getragen worden war.“ Zum Abschied ermahnte Kantor Ulbricht seine Sänger und irgendwie höre ich seine Stimme noch heute aus der Vergangenheit in unsere Gegenwart klingen:

 

„Das deutsche Lied ist ein teures Kleinod. Haltet es hoch in Ehren!“

 

Stiftungsfeste fanden in jenen 4 Kriegsjahren nicht statt. Die Menschen in Großpostwitz und auch im ganzen Land hatten anderes zu tun als zu tanzen und lustig zu sein. Allerdings, so ganz ohne vereinsinterne Gemütlichkeit verstrichen diese schicksalsschweren Jahre nicht. Die Wanderabende zum Mönchswalder im Wonnemonat Mai blieben auch in diesen Jahren erhalten.

 

Am 24.5.1915 kam man allerdings nur bis zum „Jägerhaus“. Da in diesem Lokal die Polizeistunde noch nicht eingeführt worden war, machten sich die Sänger erst beim Morgengrauen auf den Heimweg und schlichen sich „… durch das Fichtenwäldchen heim zu Muttern.“ Noch Jahre später schwärmte man von diesen schönen und gemütlichen Stunden.

 

Am 4.7.1916 unternahm man einen Abendbummel zu Palmer nach Bederwitz. Ganz begeistert schreibt der Schriftführer von diesem Ereignis: „Ja, das muss man gesehen haben, da muss man hineingeraten sein! Das wahre Schlaraffenland war aufgetürmt in dieser Zeit, in der Butter, Wurst und Schinken so rar waren“.

 

Im Mai 1917 beteiligten sich gar einige aktiven Sänger an der Vereinswanderung, die gerade Fronturlaub hatten und sich diese Gelegenheit, mit ihren Sangesbrüdern zu feiern, nicht entgehen ließen. Natürlich gab man sich in dieser Zeit auch „patriotisch“. Der MGV Großpostwitz war zur kulturellen Umrahmung entsprechender Veranstaltung gern bereit.

 

Am 2.5.1915 sang man anlässlich eines Lichtbildervortrages des Flottenvereins, Zweiggruppe Großpostwitz, gestaltete am 30.1.1916 die Kaisergeburtstagsfeier im Jugendheim mit aus und unterstützte auch am 16.6.1918 die Ludendorff – Feier des Vereins Heimatschutz zu Gunsten der Kriegsverletzten. Bis zu 15 aktive Sänger mussten die feldgraue Uniform anziehen, 5 von ihnen kehrten nicht zurück. Das war ein hoher Blutzoll, den die Großpostwitzer Sänger zu zahlen hatten.

Es waren:

Sbr. August Günther, Lehrer

Sbr. Schulze, Lehrer

Sbr. Nitschke, Briefträger

Sbr. Benno Doring, Buchhalter

Sbr. Ernst Jannasch

 

Umso größer war die Freude, die Heimkehrenden wieder in den Vereinsreihen begrüßen zu können.

 

Am 14.1.1919 fand in der Sängerherberge ein Begrüßungsabend für sie statt. Jetzt konnte man auch beschließen, die Singstunden wieder alle 8 Tage abzuhalten.

 

Am 8.4.1920 wurden während einer offiziellen Feier der Gemeinde Großpostwitz die heimgekehrten Kriegsgefangenen, unter ihnen auch einige Sänger, herzlich begrüßt. Das Leben gewann Schritt für Schritt seine Normalität wieder. So hatte der Verein 1920 schon wieder 50 aktive und 51 passive Sänger. Diese Zahl steigerte sich kontinuierlich bis zum Jahre 1931 auf 70 aktive und 67 passive Sänger. Vereinsinterne Probleme blieben natürlich trotzdem nicht aus.

 

Am 6.12.1921 konnte die Übungsstunde nicht stattfinden, weil sich die meisten 1. Tenöre entschuldigt hatten.

 

Am 20.6.1922 wurde Sbr. Gruhl wegen seines Verhaltens in betrunkenem Zustand mehrheitlich vom aktiven zum passiven Mitglied zurückgestuft. Vielleicht hatte er ein paar Wahrheiten gesagt, die keiner hören wollte. Zum größten Problem für die Menschen in Deutschland und damit auch für die Großpostwitzer Sänger wurde in der damaligen Zeit die ständig wachsende Geldentwertung, die sich bis zum Dezember 1923 zu einer galoppierenden Inflation auswuchs, während zum Schluss auch eine Billion Reichsmark kein Vermögen darstellte.

 

Die Jahreshauptversammlungen wurden teils zu Beitragsdiskussionsrunden degradiert. Das liebe Geld spielte halt schon damals eine dominierende Rolle. Ständig mussten die Beitragsgelder erhöht werden. Im September 1921 waren für Aktive 50 Pfennig und für Passive 1,- RM monatlich zu entrichten. Im September 1923 erhöhte sich dieser Obolus auf 15 Millionen Reichsmark für Aktive und 30 Millionen für Passive. Sponsoren konnten in jener Zeit mit Summen für den Verein glänzen, die nicht wiederholbar sind. Im Oktober 1923 spendete der Gemeindevorstand Lange dem Verein 300 Millionen Reichsmark. Kaufmann August Lorenz übertraf ihn weit mit 1 Milliarde Reichsmark. Ende Dezember 1923 betrug das Vereinsvermögen 2,04 Milliarden Reichsmark und war trotzdem kaum wirklich etwas wert.

 

In jener turbulenten Zeit waren auch die Singstunden nicht so einfach zu organisieren. Der Vorstand traf sich deshalb mit dem Herbergsvater im September 1922, um den weiteren Verlauf der Übungsstunden abzuklären was die Zeche der Sangesbrüder betraf. Der Wirt August Rösick hatte darauf eine klare Antwort: „Es soll keiner gezwungen werden etwas zu verzehren.“

 

Wie schwierig die Situation in Großpostwitz war beweist die Tatsache, dass im Ort eine „Notgemeinschaft Großpostwitz“ gebildet worden war, der auch die Ostvereine zur Unterstützung der Bedürftigen und Arbeitslosen aufrief.

 

Am 30.10.1923 wurde während einer Singstunde über diese Probleme diskutiert und beschlossen, dass der MGV bei Veranstaltungen mit Gesängen dazu betragen wird. Sbr. Basche gab an diesen Abend noch bekannt, dass er soviel Kohle besorgt und gespendet hatte, dass die Übungsstunden bis Weihnachten 1923 abgesichert waren! Er erntete dafür den herzlichsten Dank seiner Sangesbrüder.

 

Die ab 1924 einsetzende Normalität, die deutsche Währung betreffend und die „Goldenen Zwanzige“ auslösend, spiegelte sich auch in unserer Vereinsgeschichte wieder. Die Jahreshauptversammlungen gestalteten sich wieder zu wahren Höhepunkten im Vereinsleben. Dass das Finanzleben in Ordnung war beweist der Vorschlag am 8.10.1926, dem Fahnenträger eine Entschädigung pro Armgang von 2,50 RM zu zahlen, der von der Versammlung beschlossen wurde. Allerdings stieß diese Initiative bei Fahnenträger Gruhl auf keine Gegenliebe: „Für Geld trage ich keine Fahne. Das ist für mich ein Ehrenamt.“

 

Am 6.10.1927 lehnte der vorgeschlagene Kandidat für den Vorstandsitzenden seine Wahl ab. Er hatte nur 27 der 41 anwesenden Stimmen erhalten. So wurde halt ein anderer Sangesbruder nicht durch Abstimmung sondern durch Akklamation, Zustimmungsbeifall, gewählt.

 

Von 1920 bis 1930 fanden wieder jährliche Stiftungsfeste statt. Man feierte zwar noch immer im „Forthaus“ aber nicht mehr bei Voigt sondern bei Kerniges. Diese Feste waren alle gut besucht, man sucht wieder Zerstreuung und Gemütlichkeit in der Bevölkerung nach jenen vergnügungsarmen Jahren des 1. Weltkrieges. Das Liedgut, welches zu diesen Festen erklang, kommt auch den heutigen Sängern recht bekannt vor. So sang man unter anderem folgende Lieder:

„Wie ein stolzer Adler…“

„Brüder reicht die Hand zum Bunde…“

„Ein hoch dem deutschen Männergesang…“

„Es löscht das Meer die Sonne aus…“

 

Da könnten wir doch glatt mit einstimmen. Natürlich prägte der Verein das kulturelle Leben in Großpostwitz auch außerhalb seiner Stiftungsfeste mit. Man gab Gesangkonzerte im „Forsthaus“ und auch in Eulowitz, sang Weihelieder zur Bannerweihe beim Radfahrverein, umrahmte Stiftungsfeste des Sportvereins in Rascha und der Feuerwehr der Dampfziegelei Großpostwitz kulturell. Auch die Fahnen des katholischen Männervereins in Hainitz und der Fleischerinnung Großpostwitz konnten ohne unseren Gesang nicht geweiht werden.

 

Mit der katholischen Chorvereinigung „Cäcillia“, dem katholischen Kirchenchor, gab man ein Konzert und war auch bei der Weihe aller Kriegerdenkmäler in und um Großpostwitz beteiligt. Im Rahmen der Oberlausitzer Sängerschaft traten wieder Verpflichtungen an die Sänger heran, denen sie mit Freuden entsprachen. So war man an den Kreissängerfesten in Cunewalde, Beiersdorf und Kirschau beteiligt. Ein Höhepunkt im Sängerleben von 22 Großpostwitzer Sängern stellte ihre Teilnahme am 1. Sächsischen Sängerbundfest in Dresden dar. Beim 2 Jahre später in Bautzen stattgefundenem 15. Oberlausitzer Bundesgesangsfest hatte man ja fast ein Heimspiel und war „stark an Gesängen und dem Festumzug“ beteiligt. Zum Bundessängerfest 1928 nach Wien fuhren 2 Sangesbrüder und nahmen die Fahne mit. Gemütliche Veranstaltungen mit Frauen und Bräuten sowie Ständchen- singen prägten auch in jenen Jahren das Leben des Vereins mit. Bei solchen Ereignissen gab es keine mangelnde Beteiligung.

 

Am 22.6.1920 heiratete Sbr. Alfred Michalk in Baruth.

Zum Polterabend lud er seine Sangesbrüder ein. Und so ging das Unternehmen vonstatten:

„Um 17.30 Uhr ging ein ganzer Leiterwagen von Sängern, 25 an der Zahl, nach Baruth ab. Bis nach Mitternacht wurde ausgiebig mitgefeiert. Dann wurden die „arabischen Vollbluthengste“ von Alwin Zieschang eingespannt und heim ging?´s. Wohlbehalten und früh ganz zeitig gelangte man wieder in Großpostwitz an.

 

Am 20.1.1924 fand ein lang ersehntes Schinkenessen statt. Es waren 66 Personen im Vereinslokal beteiligt. Zu den Vorbereitungen kann man in der Chronik lesen: „Bei Kallauch war Schinken gekauft worden, Bäcker Umlauft hatte ihn in Brotteig gebacken, Ritscher aus Binnewitz spendete Kartoffeln, Brote kamen von Hauffe.“

 

Am 3.6.1924 findet man eine klitzekleine Notiz im Protokollbuch. „Heute ist Lehrer Franke Mitglied des Vereins geworden.“

Der Schriftführer des damaligen Jahres konnte noch nicht die Bedeutung dieses Mannes für den Verein ahnen, der über 30 Jahre das Vereinsleben aktiv mitbestimmt hat und dem wir unsere Existenz in der Gegenwart maßgeblich verdanken.

 

Leider enden die regelmäßigen Aufzeichnungen des Vereinslebens mit dem Jahre 1930.

Erst ab 1952 verfügt der Verein wieder über gesichertes

Wissen aus seinem Leben.